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Harald Asel, InfoRadio
Rezension zu: „WER...“
Das Theaterhaus Mitte gehört noch nicht zu den fest verankerten Kulturräumen der Stadt. Doch Ort am Koppenplatz bietet jungen Ensembles Möglichkeiten, so
wie in diesen Wochen Schöpfwerk. Das Team um den holländischen Regisseur Rogier Hardeman hat bereits im vergangenen Jahr ein Stück aus den Niederlanden vorgestellt. Mit WER von Oscar von Woensel zeigt es uns
erneut: Die zunehmende Auflösung von Persönlichkeiten hinter maßgeschneiderten Fassaden. Fünf Geschwister kommen ins Haus ihrer Eltern vor deren Beerdingung: der Schriftsteller, die Schauspielerin, die
Öko-Aussteigerin, der Junkie, das Muttersöhnchen. Zunächst meint man sie würden miteinander reden, doch in die grenzenlose Fremdheit hinein verhaken sich immer nur Stichworte:
„So hast Du ihn nicht zu nennen. Er war ein Tyran. Ja. Mutter nannte ihn den Tyran, aber niemals in seiner Anwesenheit.“ (Sohn 2) / „Er hat beinah
nie etwas für uns getan. Er hat beinahe alles was ein Vater theoretisch unterlassen kann unterlassen. Er ist der große Unterlasser.“ (Sohn 3) / „Er ist der große Verräter.“ (Tocher 2) / „Aber siehst Du
mich bei irgendeinem Werbespot oder bei einem anderen widerwärtigen Müll. Bin ich eine jener Huren, die ihr Talent verkaufen und gleichzeitig die Maske unantastbarer Integrität hochhalten? Ja! Ich bin die
Marionette von Mutter und ihren Scheiß-Theaterfuzzis.“ (Tocher 1)
Ein wenig zu rasch, fast ohne Pausen spielt Schöpfwerk diesen ersten Teil. Stets frontal ins Publikum, jeden Pseudorealismus vermeidend. Dazwischengeschaltet
Monologe, die von Verfolgung und Mordfantasien nur so spritzen. Das junge Team schafft in dem zweistündigen Abend die stufenlosen Übergänge zu gegenseitigen Bekenntnissen und Enthüllungswut in einer Nacht, in
der das allmähliche Zusaufen bis zum Morgengrauen der rote Faden bleibt.
„Nein, nein jetzt machen wir das auch mal öffentlich. Du bist offenbar reif für Bekenntnisse. Na los, rück schon raus: Heroin.“ (Sohn 1) /
„Kongnac!“ (Sohn 2) / Warum halst Du uns das auf? Was sollen wir mit dem Wissen, dass Du ein Junkie bist? Ein Junkie. Er ist ein Junkie und er kann es nicht mal für sich behalten.“ (Tochter 2) / „Seh ich
uns so wie wir hätten sein sollen, dann seh ich wer wir hätten sein sollen.“ (Sohn 2) / „Ja, wir sind eine ganz normale Familie, so wie es tausend gibt.“ (Tocher 2)/ „Wir haben sogar ein schwarzes
Schaf.“ (Sohn 2) / Ja, Mäh, mäh.“ (Tocher 2)
Dass es auch um Missbrauch geht, dass die sexuelle Indienstnahme der Kinder durch den Übervater zerstörte Seelen hinterlassen hat wird am Ende in einer
zunehmende Alzheimerisierung erkennbar. Jeder der vorherigen Geschichten wird dementiert, nichts bleibt mehr als Personenkern übrig. Leider sind zu diesem Zeitpunkt Schauspieler und Zuschauer schon rechtschaffend
erschöpft.
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Berliner Morgenpost, 13. Juni 2002
Beichten, aber weghören: Oscar van Woensels „Wer...“
Wer bist Du eigentlich? Harte Frage. Zumal wenn sie sich, wie in diesem Fall, fünf Geschwister stellen. Zur Beerdigung ihrer Eltern treffen sie sich nach
Jahren wieder. Und alles weist darauf hin, dass es das letzte Mal sein könnte. Erst spielen sich alle was vor. Doch je später der Abend, je leerer die Cognacflasche, desto mehr entlarvt sich die Selbstdarstellung
als Selbstverleugnung. Und am Ende bleibt die bange Frage: Wer bin ich?
Und dafür gibt´s nicht mal en Schweinderl. Oscar van Woensels Stück „Wer...“ verweigert sich konsequent dem psychologischen Theater. Die Frage nach
Identität findet hier auch immer auf einer zweiten Ebene statt: Immer wieder springen die Darsteller aus ihren Rollen, kommentieren sie und durchbrechen sie schließlich mit vier ganz persönlichen Monologen. Die
hat der Autor 1996 seiner Amsterdamer Theatertruppe Dood Paard (die 1997 in den Sophiensaelen gastierte) auf den Leib geschrieben. Wer immer das Stück nachspielt, hat es mit einem doppelten Rollenspiel zu tun.
Bislang ist es in Deutschland erst zweimal, in der Übersetzung von Falk Richter, aufgeführt wurden. Dabei wurden die Monologe drastisch verkürzt und in die Handlung eingebettet. In der neuen Inszenierung des
Ensembles Schöpfwerk sind sie wieder so lang wie im Original und durchbrechen wie dort das Spiel.
Die Truppe um den holländischen Regisseur Rogier Hardeman, die vor einem Jahr Alex van Warmerdams „Kaatje ist ertrunken“ in Deutschland zur
Erstaufführung brachte, entdeckt uns damit einmal mehr das jüngere Drama der Niederlande. Die Darsteller (Eva Maron, Mariel Supka, Peter Beck, Christoph Glaubacker und Andreas Stadler) treiben den transparenten
Spielstil mit Lust auf die Spitze. Vorzüglich, wie sie sich alle etwas beichten wollen, aber weghören, wenn’s der andere tut. Da fühlt man sich manches Mal an die eigene Familie erinnert. Auch wenn die nicht
mit Inzest, Kindsmissbrauch und anderen Tabus in Serie aufwarten kann.
zdr
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