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Kaatje ist ertrunken

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Freitag, 01.06.2001

Neues Deutschland vom Donnerstag 07. Juni 2001

Die Welt vom Montag 28. Mai 2001

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Frankfurter Allgemeine Zeitung, Heute in Berlin

Freitag, 1. Juni 2001-11-24

 

Saftige Ohrfeigen und frische Kopfgeburten

Alles ganz natürlich: Alex van Warmerdams „Kaatje ist ertrunken“ im Theaterhaus Mitte

 

Von Irene Bazinger

 

Holland ist das Land, wo die Tulpen am offenbarsten blühen. Nicht nur in Amsterdam, sondern auch in der platten Provinz. Um im Bühnenbild von Jan Schroeder, das die Aula des Theaterhauses Mitte schmückt. Dort stehen die langen Liliengewächse, feuerrot leuchtend, wie die Zinnsoldaten vor dem Panoramafenster der Familie Klein. Diese umfasst Vater, Mutter und eine stark pubertierende Tochter. Allerdings demonstriert die erdenschwarze Komödie „Kaatje ist ertrunken“ des niederländischen Autors, Regisseurs und Filmemachers Alex van Warmerdam bald, wie der Schein trügen kann. Denn die Idylle aus Landluft, Prachtflora und Familienglück stimmt kein bißchen. Alle hintergehen einander routiniert und führen immer mehr im Schilde als sie zugeben.

Mit der größten Natürlichkeit spielen sie verrückt und haben sich entsprechend ihrer Umgebung hergerichtet: Die paar Möbel stehen lose auf einem derben Bretterboden inmitten dunklen Erdreichs, das sich durch etliche Luken auch in der guten Stube breit macht. Ein Schritt zuviel neben den frei stehenden Gasherd oder neben das auf ein paar Fliesen montierte Toilettenbecken – und schon stecken die Personen knöcheltief in der Natur.

Kaatje, die ein wenig träge, gar nicht dumme Tochter, läuft gerne barfuß herum und wühlt mit den Zehen im Humus unter dem Esstisch. Kein Wunder, dass der Vater stets mit dem Handbesen unterwegs ist. Als einziger putzt er sich ständig die Schuhe ab, doch kurioserweise nicht nur, wenn er das sonderbare Haus betritt, sondern desgleichen, wenn er es verlässt.

Die deutsche Erstaufführung von „Kaatje ist ertrunken“ hat Rogier Hardeman mit der freien Gruppe SchöpfWerk inszeniert. So frisch wie geschickt zeigt er das merkwürdige Zusammenleben dieser schrecklich netten Familie als komische Selbstverständlichkeit: Ob der Vater wild entschlossen darum kämpft, dass sich seine Tochter nicht mit geilen Jungs einlässt, oder die Mutter routiniert seine Annäherungen abwehrt; ob der Gärtner ihr auf der Toilette ein Ständchen bringt oder am Zaun ein erwürgter Hund gefunden wird; ob drei Heinzelmännchen nachts einen Holzschuhtanz aufführen oder der Vater Kaatjes Lehrer anruft, weil er nicht glaubt, dass der Mond sich um die Erde dreht. Der Triebhaushalt der Figuren ist schwer gestört, die Einsamkeit hält sie beisammen, die Langeweile treibt sie auseinander.

Aber da diese trockene Burleske nicht von Tschechow, sondern aus der absurden Kleinkunstecke stammt, ist die Meise, die alle haben, gut zu sehen und zu hören – sie trillert ganz schön schrill. Und lässt trotzdem schmerzlich vernehmen, wie sehr die Blumenfreunde unter ihren verwelkten Seelen leiden, unter der verkümmerten Kommunikation und dass sie einfach zu wenig Sonne bekommen. Eva Maron spielt die verträumte abflugbereite Kaatje, Iris Stibbe flott und bündig ihre Mutter. Als Vater hat René Schubert im Prinzip die Hosen an, im wesentlichen aber wenig zu melden. Dem rätselhaften Gärtner mit dem goldenen Zahn, der meist reglos wie ein Schachtelhalm zwischen den Rabatten steht und – als Holländer! – nicht Rad fahren kann, gibt Peter Beck das passende, diabolisch strahlende Grinsen. Für die moritathaften Einlagen sorgen Klemens Röthig und Till Repp mit Gitarre, Baß und Gesang. Unter dem betörenden Duft der Gartentulpen blühen Balladen, Ohrfeigen und Kopfgeburten. Und beim Nachbarn schreit ein Esel.

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Neues Deutschland

Donnerstag, 7. Juni 2001

 

Der Gärtner ist zumindest ein Mitwisser

Schöpfwerk zeigt Kriminalfarce im Theaterhaus Mitte

 

Von Jack Rodriguez

 

Ist der Gärtner auch diesmal der Mörder? Die Frage bleibt im Stück „Kaatje ist ertrunken“ unbeantwortet. Eines ist jedoch sicher. Der neue Gärtner der Familie Klein, wirft eine Menge Fragen auf und bringt teilweise die Tragödie ans Licht. Vor 28 Jahren ist die Schwester von Mutter Irma ertrunken. Die näheren Umstände liegen immer noch im Dunkeln.

Die neue Theatergruppe Schöpfwerk zeigt im Kulturhaus Mitte eine intelligente Kriminalfarce von Alex van Warmerdam. Der niederländische Regisseur ist hierzulande durch seinen Film „ De Noordelingen“ bekannt. Der Niederländer Rogier Hardeman führt nun in „Kaatje ist ertrunken“ Regie. Er lässt die Zuschauer an den Diskussionen am Küchentisch teilnehmen, die von kurzen Rock’n’Roll-Musiknummern unterbrochen werden.

Zwei Bänkelsänger berichten von einem Lustmord. Rührt daher die Furcht von Vater Johannes, seine Tochter Kaatje, die den Namen der Toten trägt, könne sich mit Jungs einlassen? Was weiß der Vater überhaupt über den mysteriösen Tod? Alles deutet darauf hin, dass ihn mit Koppe, dem Gärtner, ein Geheimnis verbindet, ja möglicherweise sogar Koppe der Unhold aus der Moritat ist. Aber auch Johannes ist gewalttätig und drischt seine Frau auf den Küchentisch, dass man ihm eine damalige Komplizenschaft zutraut.

Schade, dass René Schubert als einzige Gefühlsregung nur schreien kann, obwohl in der Figur des Vaters zu verkörpernde Eigenschaften wie Egoismus, Berechnung und zehrende Minderwertigkeitsgefühle lauern. Iris Stibbe als immer selbstbewusster werdende Ehefrau lernt zurückzuschreien. Sie kann aber auch überzeugend betteln, flehen und ihre Enttäuschung zeigen.

Etwas aufgesetzt wirkt das Spiel von Eva Maron als Tochter Kaatje, deren Verführungskunst nicht mädchenhaft-unschuldig genug ist. Ihre plötzliche Angst um ein Versuchsäffchen in einer sowjetischen Raumkapsel würde mehr dramatischer Wahn gut tun. Peter Beck als Koppe bleibt meist stumm und geistert als Albtraum der Mutter durch die Szene.

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Die Welt, Berlin Kultur

Montag, 28. Mai 2001

  

Der Mörder lauert hinterm Goldfischglas

Wenig Platz für Geheimnisse: Alex van Warmerdams „Kaatje ist ertrunken“ im Theaterhaus Mitte

 

Von Julia Michelis

 

Kaatje ist ertrunken, aber nie werden wir erfahren, ob der Gärtner der Mörder war. An diesem Abend im Theaterhaus Mitte wird nicht einmal geklärt, warum Tante Kaatje mit einem wertvollen fremden Medaillon am Hals einst tot im Schilf gefunden wurde. Auch die Rolle des Gärtners, den Vater Johannes anstellt, um in die Wildnis seines Anwesens Struktur zu bringen, bleibt dunkel. Ist Koppe überhaupt ein Gärtner? Tochter Ka findet jedenfalls, dass ein Reisender mit Goldzahn und leerem Koffer gruselig ist. Mutter Irma hält das Gartenprojekt sowieso für verdächtig, weil sie aus Prinzip anzweifelt, was ihr Mann macht. Nur die Tatsache, dass Koppe und Johannes sich von früher kennen, aber Johannes darüber eisern schweigt, verwundert sie nicht.

Der niederländische Theater- und Filmemacher Alex van Warmerdam hat eine schwarze Komödie geschrieben, in der sarkastischer Witz und eine Atmosphäre des Unergründlichen solchen arg strapazierten Themen wie Beziehungsfrust und Ehekrieg, Elternliebe und Kinderemanzipation alle Banalität nehmen. Erst das Undurchsichtige lässt am Alltäglichen so unangemessen leiden. Das scheinen Regisseur Rogier Hardeman und Bühnenbildner Jan Schroeder nicht gewusst zu haben. Sie quetschen mit viel Fleiß und Mühe das Stück in einen Wohnküchenrealismus, der das Beste an van Warmerdams Vorlage kappt.

Gartenerde um den Holzfußboden; ein Herd und ein Goldfischaquarium, Tulpen und eine Dusche hinter dem Verandafenster lassen wenig Raum für eine Ebene des Vagen, Geheimnisvollen. Diesem Bühnenbild entspricht die Inszenierung. Sowohl die Musiknummern (Klemens Röthig/Till Repp) als auch die Schauspielszenen leiden an deren Vordergründigkeit. Iris Stibbe als Mutter Irma ist ausschließlich damit beschäftigt, ihren Dauerfrust mit immer gleich dosierten Giftspritzen beim Ehemann zu entsorgen, da gibt es kaum Nuancen oder Brüche, geschweige denn andere Facetten der Persönlichkeit.

So wird die Groteske zur Karikatur reduziert und erschöpft sich schnell. René Schubert nimmt als Vater seine Figur wenigstens teilweise ernst, was zu einigen schönen, stimmigen Szenen führt, etwa wenn er vehement bezweifelt, dass der Mond die Erde umkreist. Koppe ist der Mann von Draußen, der das Alltagseinerlei zum Explodieren bringt. Peter Beck hat dabei Momente des Unheimlichen, allerdings nie dann, wenn die ausdrücklich inszeniert wurden. Die Liebeswerbung per Megaphon ist total verschossen. Dieser mickrige Gag ersetzt in keiner Weise die verführerische Selbstgewissheit, die unter dem puren Text liegt.

Zum Glück für den Abend gibt es aber noch Eva Maron als Tochter Kaatje. Wenn sie in ihrer naiver Gelassenheit die Szene bestimmt, beginnen die simpelsten Sätze rätselhaft zu werden. Was ist mit diesem Mädchen, ist sie nicht ganz bei sich – oder ist sie die einzige, die es wirklich ist? Bis zum überraschenden Schluss bleibt die Figur in der Schwebe. So bekommt man am Ende doch eine Vorstellung, aus welchem Geist Alex van Warmerdams Stück gemacht ist, welches Potenzial hier noch zu entdecken ist.

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